Bericht zum Tagesseminar „Die Mecklenburgische Seenplatte und die extreme Rechte“

Datum: Samstag, 26.10.2013
Uhrzeit: 10:00-16:00 Uh
Ort: Penzlin, Bürgerzentrum

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Veranstalter: Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse (EBB Alt Rehse) in Kooperation mit Regionalzentrum für demokratische Kultur Mecklenburgische Seenplatte, „Bündnis Neubrandenburg bleibt bunt“, Stadt Neubrandenburg

An diesem Tag waren wir in aller Frühe nach Mecklenburg aufgebrochen, um uns darüber zu informieren, wer hinter den rechten Aktivitäten in unserem Nachbarland steckt, welche Netzwerke und Personen dort aktiv sind, mit welchen Themen und Kampagnen die rechte Szene dort versucht, neue Anhänger zu gewinnen und nicht zuletzt, was Bürgerinnen und Bürger, Kommunen und Verbände dort tun, um diesem Treiben entgegen zu wirken.

Nach der Einführung von Dr. Rainer Stommer vom EBB Alt Rehse in das Thema des Seminars berichtete uns Dr. Annett Schulze aus Berlin über extrem rechte Siedlungskonzepte im mecklenburgisch-ländlichen Raum. In Koppelow bei Güstrow, einst Zentrum der artamanischen Bewegung, wurde 1992 eine Siedlung gegründet, die einer national-völkischen Ideologie folgt. Die Leute dort leben mit ihren Familien in einer Art völkischen Parallelwelt.

Frau Schulze zeigte anhand historischer Belege auf, wer diesen Artamanen in den 1920er Jahren die geistigen Vorlagen lieferte. Dazu gehörten zum einen Ernst Häckel mit seiner Publikation „Die Lebenswunder“ von 1904. Häckel gilt als wichtigster Wegbereiter der Rassenhygiene und Eugenik, d. h. der Ausschaltung von Menschen durch Selektion in der Medizin, in Deutschland. Darwins Evolutionstheorie und die Haeckelschen Thesen zum Monismus wurden in der Zeit des Nationalsozialismus dann radikalisiert und zum Grundpfeiler des Sozialdarwinismus und der angewandten Rassenhygiene, in der 12.000 Ärzte in der »Führerschule der Deutschen Ärzteschaft Alt Rehse« unterrichtet wurden.

Zum anderen lieferten anerkannte Wissenschaftler wie Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibesfeldt die rassistischen Denkrichtungen für die neurechten Siedler. Konrad Lorenz war öffentlicher Unterstützer des Nationalsozialismus und seine Theorien zur Domestizierung, die er als einzige Wahrheit ansah, fanden sich schon bald in NS-Gesetzen „zum Schutz der Erbgesundheit des deutschen Volkes“ wieder. Ich war einigermaßen entsetzt, denn in meinem Bio-LK-Unterricht der 80er Jahre gehörten Lorenz und Eibl-Eibesfeldt zu den Standardwerken, die wir „aus dem Eff-Eff“ beherrschten mussten. Schlimm auch Lorenz' Aussage von 1972, „die Menschheit degeneriere, weil „sozial Ausfallbehaftete“ nicht mehr selektiert würden.“ 1988 empfahl Lorenz als Mittel gegen die angebliche Überbevölkerung AIDS.

Im für mich spannendsten Vortrag von Mathias Braband (Regionalzentrum für demokratische Kultur) mit Unterstützung durch einen Vertreter der Polizei ging es um einen Überblick zur rechten Szene in der Region. Wegen der Verflechtung nach Schleswig-Holstein zur dortigen Rockerszene haben wir dann auch intensiv nachgefragt. Das dünn besiedelte Mecklenburg-Vorpommern ist von den rechtsextremen Siedlern, Kameradschaften und der NPD dicht besetzt. Kritische Orte sind (nach Braband) Neubrandenburg, Blankensee, Friedland, Mollenbeck, Godendorf, Fincken u.a. Dort ist das Wählerpotential für die NPD sehr hoch. So erreichte die NPD in Friedland 9,6%, in Groß Kelle sogar 10,7%. Fünf Abgeordnete der NPD sorgen in Schwerin für ständigen Verdruss bei den demokratischen PolitikerInnen. Überraschend war für mich die Aussage der Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider, die NPD habe mit ihrer kleinsten Partei die höchste Anzahl an Mitarbeitern, zu denen vorbestrafte Rechtsextreme aus Kameradschaften gehören, die dort im Landtag ein und aus gehen. Wie kann so etwas erlaubt sein, fragt man sich. Die Polizei sagte aus, dass seit dem Verbot der Mecklenburgischen Aktionsfront (MAF) am 28. Mai 2009, zu dem es kein Widerspruchsverfahren gab, die Szene nicht mehr so öffentlich in Erscheinung tritt. Seit 2010 hielte man sich weitestgehend an Regularien und bis auf den Fackelmarsch 2010 in Waren/Müritz gäbe es keine nennenswerten Szeneveranstaltungen. Auch die Hess-Gedenkmärsche in Friedland sind ausgeblieben. Ein wichtiges Ereignis ist der Tollensesee-Marsch, den es seit 2004 gibt, an dem ca. 50 Personen aus der rechten Szene teilnahmen. Auch hier sind die Zahlen rückläufig, so waren in den Jahren 2004-2006 auch schon weit über 100 Personen Teilnehmer an diesem 38-km-Leistungsmarsch nach Wehrsportvorbild. Die Polizei rechnet der rechtsextremen Szene im Landkreis insgesamt 150 Personen zu, von denen wiederum 60 Führungspersonen (Kader) und 35 zum „harten Kern“ zählen, die bei allen Veranstaltungen dabei sind. Schwerpunkt der Polizei ist Waren/Müritz mit einer sehr aktiven und gewaltbereiten Neonaziszene. Bei den Kameradschaften erwähnte der Polizeivertreter die Kameradschaft Malchin (eine eher lose Gruppierung), die Kameradschaft Neubrandenburg, den Nationalen Widerstand Demmin, den Stargarder Freundeskreis, die Nationalen Sozialisten Müritz und die Nationalen Sozialisten Friedland sowie den Arischen Widerstand Altentreptow. Neonazikonzerte sind in ganz Mecklenburg-Vorpommern rückläufig und fanden in Viereck, Salchow und Ferdinandshof statt. Auch die Kneipe „Endstation“ in Friedland fand Erwähnung.

Eine aktuelle Masche der Neonazis im Landkreis, sich Zugang zur Gesellschaft und damit Gehör zu verschaffen, besteht darin, Anfragen an Kommunen zu richten mit dem Ansinnen, Grabpflegearbeiten für wenig Geld zu übernehmen. Auch der Aufbau nationaler Wirtschaftskreise und -netzwerke ist Thema. So versuchen Nazis, über Interessengemeinschaften in Pflegeberufe zu drängen, oder berichten dort über lokales Geschehen, wo andere nicht mehr berichten, z.B. in den rechtsradikalen Publikationen „Müritzer Bote“, „Strelitzer Bote“ usw. der IG „Blickpunkt Seenplatte“.

Szeneläden wurden im Landkreis mit Erfolg geschlossen, z.B. der in Waren im Jahr 2011. Aktuell existiert nur noch das „Presswerk“ von David Petereit in Neustrelitz. Neonazibands gibt es im Kreis in Waren, Stargard und Friedland.

Während der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern 2010 119 Straftaten im Bereich PMK (Politisch-motivierte Kriminalität) zählte, waren es 2011 136 und 2012 116.

Ein wichtiger Termin für die rechtsextreme Szene ist der 8. Mai mit dem sog. Ehrendienst in Demmin, einem Trauermarsch, den die Nazis als „Marsch der Würde“ bezeichnen. Bis zu 250 (ca. 30 davon aus dem Landkreis) reisen zu diesem Ereignis nach Demmin. Ähnlich wie bei uns in Schleswig-Holstein legen Nazis in Mecklenburg auch Gedenkkränze am Volkstrauertag ab. Solche Veranstaltungen sind mit 3 bis 10 Personen allerdings schwach besucht.

Der Vertreter des Landessportbunds Mecklenburg-Vorpommern berichtete in der Podiumsdiskussion am Nachmittag noch von zwei klar rechtsextremen Sportvereinen, gegen die eine Handhabe schwer zu sein scheint. Die Recherche ergab, dass einer davon der VfB Pommern Löcknitz ist.

Gegen 16 Uhr fuhren wir wieder nach Neumünster. Wir haben sehr viel über die rechte Szene von unseren freundlichen Nachbarn in der Mecklenburgischen Seenplatte erfahren und hoffen, eine derartige Veranstaltung einmal zu gegebener Zeit in Schleswig-Holstein machen zu können.

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Wie verzwickt vor Ort in Alt Rehse/Penzlin die historische Materie die dortigen Anwohner umtreibt, kann man hier in einem Artikel von nd nachlesen.