Gottesdienst, Gedenkfeier und eine Ausstellung zum Holocaust-Gedenktag

Anlässlich des 71. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau laden der Kirchenkreis Altholstein, die katholische Kirche, der Runde Tisch für Toleranz und Demokratie sowie die Stadt Neumünster gemeinsam zu einer Gedenkveranstaltung ein. Am Mittwoch, 27. Januar 2016, um 16.15 Uhr findet zunächst ein ökumenischer Gottesdienst zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der Vicelinkirche statt, ehe eine Gedenkfeier mit Kranzniederlegungen um 17.30 Uhr im Innenhof des Rathauses folgt. Die Gedenkrede hält Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras. Im Anschluss findet um 18 Uhr die Eröffnung einer Ausstellung im Foyer des Neuen Rathauses durch den Berliner Historiker Dr. Hans Coppi statt. Seine Eltern, beide im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv, wurden in Plötzensee hingerichtet. Mit den Berliner Freundes- und Widerstandskreisen, die von der Gestapo als  „Rote Kapelle“ bezeichnet wurden,  befasst sich die Ausstellung der Gedenkstätte  Deutscher Widerstand Berlin.

Beteiligt am Gottesdienst sind neben der evangelischen und katholischen Kirche Mitglieder des Bündnis gegen Rechts und des Runden Tisches für Toleranz und Demokratie. Den Gottesdienst bereiten Propst Stefan Block, Pastorin Simone Bremer und ein Team aus der Evangelischen und Katholischen Kirche sowie des Runden Tisches gemeinsam vor. Predigen wird an diesem Tag des Gedenkens Pastorin Simone Bremer.

„Wir wollen an diesem Tag der Opfer gedenken, uns an sie erinnern. Wir wollen an diesem Tag unsere Verantwortung vor Gott bekennen für alles, was war und was noch geschieht“, formuliert Propst Stefan Block.

„Ich hoffe, dass sich viele Menschen sowie Vereine und Verbände an dem Gottesdienst, der Gedenkfeier und der Ausstellungseröffnung beteiligen“, so Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras.

Für Rückfragen stehen gern zur Verfügung:
Jürgen Schindler, Tel.: 0431/2402-607
Stephan Beitz,   Tel. 04321/942-2660  

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Der Aufruf des Runden Tisches zu dieser Veranstaltung befindet sich hier.


„Rote Kapelle“ im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Intellektuelle, Künstler, Arbeiter, Angestellte, Studenten, Professoren, Soldaten, Offiziere, Kommunisten, Sozialisten und Christen – Frauen und Männer unterschiedlicher sozialer Herkunft mit verschiedenen politischen und weltanschaulichen Ansichten finden in ihrer Ablehnung zusammen. Ihr Widerstand gegen das Nazi-Regime äußert sich in vielfältigen Formen. Neben der Diskussion politischer, philosophischer und künstlerischer Fragen helfen sie Verfolgten des Naziregimes, dokumentieren Gewaltverbrechen, rufen in Flugschriften zu aktivem und passivem Widerstand auf und verbreiten Klebezettel gegen die antisowjetische Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“. Es bestehen Kontakte zu Widerstandsgruppen in Berlin und Hamburg, zu Zwangsarbeitern und Vertretern der amerikanischen und sowjetischen Botschaft in Berlin. Durch freundschaftliche Verbindungen einzelner Mitstreiter überschneiden sich 1940/41 die Freundes- und Widerstandskreise. Es entsteht ein großes Netzwerk des deutschen Widerstands.
Im Herbst 1942 nimmt die Gestapo mehr als 120 Frauen und Männer fest und ordnet sie dem Ermittlungs- und Verfolgungskomplex „Rote Kapelle“ zu. 92 der Verhafteten werden vor dem Reichskriegsgericht und Volksgerichtshof angeklagt, 49 von ihnen zum Tode verurteilt, darunter 19 Frauen.

Einladung des Runden Tisches für Toleranz und Demokratie in Neumünster für Mittwoch, den 27. Januar 2016

18 Uhr:

Eröffnung der Ausstellung „Rote Kapelle“ durch Hans Coppi im Rathausfoyer
Die Ausstellung ist danach bis zum 05.02.2016 werktags von 8 bis 17 Uhr zu sehen.

19 Uhr:

Vortrag „Landesverräter oder Helden des Widerstands – die Rote Kapelle in Zeiten des Kalten Krieges“ von Geertje Andresen im Raum 1.8 Neues Rathaus Südflügel

Dr. Hans Coppi, Sohn der in Plötzensee hingerichteten Hilde und Hans Coppi, Historiker, freier Mitarbeiter an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin und Vorsitzender der Berliner VVN-BdA, zahlreiche Veröffentlichungen zu Widerstand und Verfolgung der „Roten Kapelle“ und der Arbeiterbewegung, zur Geschichte und den aktuellen Herausforderungen des Antifaschismus im 21. Jahrhundert.
Dr. Geertje Andresen arbeitete von 1985 bis 1995 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin. Gemeinsam mit Hans Coppi veröffentlichte sie 1999 eine Briefbiographie über Harro Schulze-Boysen im Aufbau-Verlag. Zuletzt erschien von ihr „Wer war Oda Schottmüller?“ im Lukas-Verlag, Berlin. Sie lebt als freie Autorin, Redakteurin und Lektorin in Berlin.

Quelle: Fotos aus der Ausstellung „Rote Kapelle“ der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Informationen zum diesjährigen Schwerpunktthema der Veranstaltungen des Runden Tisches für Toleranz und Demokratie der Stadt Neumünster zum Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus am 27.01.2016 (Holocausttag)

Nach Errichtung der Diktatur der Nationalsozialisten und der sofortigen Verfolgung der organisierten Kräfte wie Kommunisten, Sozialisten und Gewerkschaftern, gab es in Deutschland kaum noch Menschen, die sich offen gegen das NS-Regime stellen. Mit öffentlicher Kritik  begibt man sich in Lebensgefahr. So findet Mitte der 1930er Jahre die Opposition eher im privaten Bereich statt. In Berlin z.B. treffen sich Freundeskreise, um sich aus Büchern vorzulesen, zu tanzen und zu singen;  sie unternehmen Rad- und Paddeltouren und zelten gemeinsam.  Dabei diskutieren sie über die politische Lage, lesen ausländische Zeitungen und Zeitschriften, tauschen Informationen zu innen- und außenpolitischen Themen aus. Männer und Frauen mit unterschiedlicher religiöser Zugehörigkeit und Weltanschauung vereint die Ablehnung des NS-Regimes. Sie unterstützen finanziell Familien, deren Angehörige in Haft sind, helfen Menschen bei der Flucht ins Ausland und sammeln immer mehr gleich gesinnte Menschen um sich.  Ärzte, Arbeiter, Angestellte und Beamte, Wissenschaftler und Schriftsteller gehören ebenso zu diesen Kreisen wie Künstler und Studenten.
Mit Kriegsbeginn 1939 rücken die Freundeskreise, die sich aus völlig eigenständigen Anfängen entwickeln, näher zusammen. Die Aktionen der Gruppen richten sich nun auch nach außen, erste Flugblätter werden verfasst und verteilt.
Ab 1941 beginnt die enge Zusammenarbeit der Freundeskreise um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen. Der Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium, Dr. Arvid Harnack, und der Oberleutnant im Reichsluftfahrtministerium, Harro Schulze-Boysen erhalten durch ihre Dienststellen schon frühzeitig Hinweise auf den geplanten Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion und beschließen, die Sowjetunion zu warnen. Ihr Ziel ist es, die Sowjetunion und ihre Alliierten in die Lage zu versetzen, den Krieg so schnell wie möglich zu beenden, die Naziherrschaft zu stürzen  und damit den Tod weiterer Millionen Menschen zu verhindern. Dazu nehmen sie Kontakt zu einem Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft auf. In Moskau werden die Einzelheiten über die Vorbereitung des Angriffs von der Führung unter Stalin jedoch ignoriert. Über einen Kontakt zum sowjetischen Nachrichtendienst werden jedoch weiterhin kriegswichtige Informationen von Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen nach Moskau übermittelt. Die Widerstandsgruppe in Berlin erhält zwei Funkgeräte, über die sie die Informationen direkt nach Moskau senden soll. Aufgrund technischer Schwierigkeiten wird jedoch nur ein Probefunkspruch „1000 Grüße allen Freunden“ gesendet.
Von der Nachrichtenübermittlung an sowjetische Stellen wussten die meisten Frauen und Männer der Freundeskreise nichts. Sie sammelten Beweismittel über erfolgte Verbrechen, wie die Massenerschießungen an der Front und schreiben diese Informationen in Flugblättern nieder. Sie wollen der Bevölkerung die tatsächliche Lage in Deutschland und an den Fronten verdeutlichen. Auf dem Postweg werden Flugblätter u.a. an Pfarrer, Ärzte, Rechtsanwälte, Wehrkreiskommandos und in Berlin tätige Auslandskorrespondenten in ganz Deutschland verschickt.
Auch die Predigten des Bischofs von Münster, Graf von Galen, gegen die Euthanasie werden vor allem von christlichen Mitgliedern der Gruppe vervielfältigt und verteilt.
Im Moskauer Rundfunk werden Namen von deutschen Kriegsgefangenen bekannt gegeben. Das Abhören von „Feindsendern“ ist im deutschen Reich verboten und die Nationalsozialisten verbreiten die Lüge, dass die Rote Armee alle deutschen Kriegsgefangenen sofort töte. Mitglieder der Freundeskreise hören den Sender ab und informieren die Angehörigen der Kriegsgefangenen, dass ihre Männer, Brüder und Söhne noch am Leben sind.
Ein wichtiger Bestandteil ihrer Widerstandsarbeit ist der Aufbau von Verbindungen zu anderen Widerstandskreisen, wie z. B. zu kommunistischen Hamburger und Berliner Widerstandsgruppen und zum „Kreisauer Kreis“.
Im Mai 1942 wird im Berliner Lustgarten die antisowjetische Propagandaausstellung mit dem zynischen Titel „Das Sowjetparadies“ eröffnet, in dem die Überlegenheit der arischen Rasse demonstriert werden soll. In der Nacht vom 17. auf den 18. Mai kleben vor allem die jüngeren Mitglieder der Gruppe in mehreren Berliner Stadtteilen Klebezettel mit dem Text: „Ständige Ausstellung – das Naziparadies. Krieg Hunger Lüge Gestapo. Wie lange noch?“
Die meisten dieser Aktionen werden von der Gestapo bemerkt, die Ermittlungen führen aber ins Leere. Die Gefahr kommt von anderer Seite: Die deutsche Abwehr entdeckt Stützpunkte des militärischen sowjetischen Nachrichtendienstes in Westeuropa. Dabei wird der Begriff „Rote Kapelle“ geprägt:  Funker (Pianisten) haben auf ihren Tasten im Verbund als „Kapelle“ (Musikkapelle) ins „rote“ Moskau gefunkt (gespielt). Im Sommer 1942 stößt die deutsche Abwehr beim Dechiffrieren von Funksprüchen auf die Namen  u. a. von Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen und gibt diese Information an die Gestapo in Berlin weiter. Im Herbst 1942 beginnen die Verhaftungen von weit mehr als 100 Männer und Frauen der Berliner Freundeskreise. Die dafür gebildete Sonderkommission der Gestapo trägt den Namen „Rote Kapelle“.  Die Gestapo ist entsetzt, dass Menschen gegen die Nationalsozialisten gearbeitet haben, auf deren Loyalität sie sich glaubten verlassen zu können. Deshalb gehen sie besonders unerbittlich gegen sie vor. Hitler, Göring und Himmler schalten sich persönlich in das Verfahren ein. Das Reichskriegsgericht verurteilt ca. 50 Menschen zum Tod. Sie werden 1942 und 1943 in Plötzensee hingerichtet, darunter viele Frauen - auch zwei Frauen, die in der Haft Kinder zur Welt gebracht haben. Die anderen werden zu langen Haftstrafen verurteilt, nur wenige werden wieder frei gelassen.
Bemerkenswert an der „Roten Kapelle“ im Vergleich zu anderen Widerstandgruppen ist die große Vielfalt ihrer Mitglieder. Die Freundeskreise setzen sich  aus Angehörigen unterschiedlichster sozialer Schichten und Berufsgruppen, politischer und religiöser Überzeugungen zusammen. Die „Rote Kapelle“  leistet Widerstand aus der Mitte der Gesellschaft heraus.  Auch der hohe Frauenanteil - mehr als ein Drittel der Gruppen sind Frauen - ist untypisch. Die Frauen haben sich mit einem für diese Zeit ungewöhnlichem Selbstverständnis an der Widerstandsarbeit beteiligt.
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Nach dem Ökumenischen Gottesdienst und der Kranzniederlegung wird  Dr. Hans Coppi die Ausstellung „Rote Kapelle“ über die Personen und Aktivitäten dieser Widerstandsgruppe im Rathausfoyer eröffnen.  Er hat sich als Historiker intensiv mit der Aufarbeitung der Geschichte der „Roten Kapelle“ beschäftigt und arbeitet als freier Mitarbeiter in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Seine Eltern, Hans und Hilde Coppi,  waren beide  Mitglieder der „Roten Kapelle“ und wurden in Plötzensee hingerichtet. Er selbst wurde während der Haft im Frauengefängnis Barnimstraße geboren.
Der Kalte Krieg  lässt die Geschichte der „Roten Kapelle“ zu einem neuen Kapitel der deutschen Geschichte, jetzt der deutsch-deutschen Geschichte werden. Während die „Rote Kapelle“ in der BRD zur „größten Spionageorganisation des 2. Weltkrieges“ erhoben wird, dichtet die DDR der „Roten Kapelle“ eine Führung durch die KPD an. Im Anschluss an die Ausstellungseröffnung wird Frau Dr. Geertje Andresen, die mehrere Bücher über Mitglieder der „Roten Kapelle“ veröffentlicht hat, auf dieses Thema eingehen.

Neumünster im Dezember 2015
Katja Ostheimer