Neumünster - BUNT statt braun.

Deportationsforschung in Neumünster

Der heutige Gedenktag führt uns auch zu den lange vergessenen anderen Gruppen, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden. Wir haben uns mit dem Schicksal von Sinti und Roma in unserer Stadt und in Deutschland beschäftigt. Dies haben wir dabei herausgefunden:

Im Mai 1940 führte die hiesige Gendarmerie – im damaligen Sprachgebrauch hieß sie Ordnungspolizei – eine Razzia in Neumünster durch mit dem Ziel, alle Sinti und Roma, die es zu der Zeit gab, zusammenzutreiben und zu deportieren. Man brachte ca. 50 Sinti zunächst ins Lokal „Captain Cook“ (das früher „Perle“ hieß) im Haart, darunter auch den 11-jährigen Otto Laubinger, Jahrgang 1928. Dort trafen sie mit weiteren Verwandten und anderen bekannten Sinti zusammen. So war eine Tante mit ihrer Familie aus der Flensburger Straße schon da, Ottos Oma mit drei erwachsenen Kindern und auch andere Sinti aus Wittorf. Man brachte sie nach Hamburg in den Fruchtschuppen am Hafen. Über 1000 Menschen aus Lübeck, Kiel, Hamburg und anderen Städten wurden dort von der berüchtigten Zigeuner-Dienststelle der Hamburger Polizei zusammengepfercht und 8 Tage lang festgehalten. Die Gefangenen waren hier noch keinen Schlägen ausgesetzt, aber ein Verlassen der Halle war nicht möglich.

Die Deportation führte per Zug über Hannover nach Warschau und schließlich nach Bełżec, das an der südlichen Grenze des Distrikts Lublin in Polen gelegen ist. Bełżec war 1940 noch Arbeitslager, wurde aber nach und nach zum Vernichtungslager ausgebaut, um die „Aktion Reinhardt“ durchzuführen. So lautete der Tarnname für die Ermordung von über zwei Millionen Juden sowie rund 50.000 Roma zwischen Juli 1942 und Oktober 1943.

Nach der Ankunft der Sinti aus Neumünster in Bełżec erfolgte die Selektion, Männer nach links, Frauen nach rechts. Selbst die Kinder mussten Zwangsarbeit im Steinbruch leisten. Dabei war Schikane und Prügel an der Tagesordnung. Insgesamt durchlief die Familie drei Arbeitslager in Polen, nach Bełżec folgte ein ca. dreimonatiger Aufenthalt in der „Mühle“ im Ort, und dann ging es auf Pferdefuhrwerken über 140 km in das Vernichtungslager Krychów bei Sobibor. Der Bruder und ein Cousin wurden an den Ärmeln aufgehängt und gequält. Nach der Befreiung durch die Russen machten sich die Sinti auf eine Monate lange Flucht über Beuthen (das heutige Bytom in Polen) bis nach Berlin und gelangten schließlich erst nach dem Krieg 1946 wieder nach Neumünster. Auf der Flucht drohten neue Gefahren. So starb der Cousin durch eine Mine, weil er ein Stück brennendes Gummi austreten wollte.

Zu den Tätern können die Historiker sehr viel genauer berichten als ich, aber so viel sei gesagt: Major der Ordnungspolizei im Polizeibataillon 106 Neumünster im Mai 1940 war Max Kaufmann verheiratet, 3 Kinder, 01.05.1933 Eintritt in die NSDAP. Verantwortlicher in Hamburg war Karl Krause, der die Deportation vom 20. Mai 1940 mit den Neumünsteraner Sinti und einen Transport nach Auschwitz am 11. März 1943 begleitet. Krause wird nach dem Krieg im Internierungslager Gadeland bis Februar 1946 inhaftiert, kommt nach drei Jahren wieder frei und wird im sogenannten „Entnazifizierungsverfahren“ als Entlasteter eingestuft.

Wir haben inzwischen die Namen von mindestens 12 Angehörigen der Familie Laubinger. Die Deportierten aus Neumünster sind namentlich in Deportationslisten des Hamburger Staatsarchivs erfasst. Wir vom Bündnis gegen Rechts finden, dass es Zeit für ein Mahnmal für die Sinti-Opfer in Neumünster ist. Die Verlegung eines 28. Stolpersteins durch den Künstler Gunter Demnig wäre dazu ein würdiger Anfang!