Neumünster - BUNT statt braun.

Predigt Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27.1.13, Vicelinkirche

 „Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel…“ 

Liebe gedenkende Gemeinde, liebe Geschwister, 

1. so heißt es in der katholischen Einheitsübersetzung am Anfang des Bibelabschnittes vom Pharisäer und vom Zöllner, den wir soeben gehört haben.

„Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren…“ ja, es ist nicht so leicht, den eigenen Standort zu finden, auch beim heutigen Gedenken. Wo doch alles dokumentiert zu sein scheint – und vielfach veröffentlicht: in Büchern, Fernsehdokumentationen. Auch in Gedenktagsreden und Predigten…Wo stehen wir – heute, 80 Jahre nach der sogenannten Machtergreifung Adolf Hitlers und seiner sogenannten „Bewegung“, 68 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz? 

Immer wieder heißt es ja, wir hätten „aus der Geschichte gelernt“. Als wären all die Ermordeten, derer wir heute gedenken, auch nur ein wenig weniger sinnlos gestorben – weil wir wenigstens ja „daraus gelernt“ haben… Selbst ein so gewichtiges und notwendiges Wort wie das von der „Theologie nach Auschwitz“ will einem im Halse stecken bleiben. Als ließen sich Auschwitz und Bergen-Belsen, aber auch Kaltenkirchen-Springhirsch und Husum-Ladelund „theologisch verarbeiten“

Und doch brauchen wir dringend und auch heute noch die Beschäftigung mit alledem. Ja, auch um zu „lernen“. Auch um unser Denken und Formulieren des Glaubens mit dem Unsagbaren zu konfrontieren. Denn wie sollten wir sonst jemals wieder etwas irgendwie Erhellendes, Tröstliches und Befreiendes sagen können, auch von einer Kanzel, wenn wir nicht die radikale Infragestellung aller Glaubensrede wahrnehmen würden – seit dem, was damals geschehen ist und was wir mit dem nie mehr harmlosen Namen eines polnischen Dorfes zusammenfassen: „Auschwitz“? 

Ja, wir müssen fragen, hören, denken, lernen – denn es waren Menschen wie wir, ja wie wir – die Täter wie die Opfer!

 

2. Und so ist wohl der erste Schritt, dass wir immer wieder die Fakten nennen, auch die Namen, um das Geschehene irgendwie real zu halten. Auch das Geschehene hier in Neumünster. 

Müssen uns bewusst halten, dass die sogenannte „nationalsozialistische Bewegung“ für Schleswig-Holstein damals gerade von hier aus, von Neumünster organisiert wurde: Am 1.3.1925 wurde in unserer Stadt der NSDAP-Gau Schleswig-Holstein gegründet – und später als ein „Muster-Gau“ gelobt. Müssen den Namen Hinrich Lohse nennen, den ersten Gauleiter. Müssen eingestehen, dass 1933 alle Schichten diese Partei wählten: bürgerliche und kleinbürgerliche Kreise – aber auch Arbeiter! Müssen sagen, dass auch bei uns jüdische Geschäfte boykottiert wurden. Dass jüdische Mitbürger, aber auch politisch Unbeugsame, engagierte Christen wie Atheisten unter den Augen ihrer Nachbarn abgeholt, verschleppt, und schließlich umgebracht wurden. 

Ja, wir müssen voller Scham bekennen, dass damals auch in den Kirchen unserer Stadt der Führer verherrlicht und die Menschen dem Dienst für das neue Deutschland geweiht wurden. Müssen uns mit tiefem Erschrecken auch an den Pastor und kurzzeitig Neumünsteraner Propst Ernst Szymanowski erinnern, der hier bei uns sein Amt missbrauchte für den ideologischen Kampf – und schließlich in Oppeln als Leiter der Gestapo tausende Menschen ermorden ließ.

Doch, wir dürfen uns auch an die erinnern, die zu widerstehen die Kraft und den Mut fanden. Mit Reden und Flugblättern, auch mit Predigten. Mit erkennbarer Zivilcourage oder auch mit stummer Verweigerung. Wir nennen den Kommunistenführer Rudolf Timm, den sie 1934 unter uns verhafteten und im Polizeigefängnis erschossen haben. Oder an den evangelischen Pastor Otto Roos, der auf der Kanzel der Anscharkirche kein Blatt vor den Mund nahm – und mit seiner Familie im Bombenhagel über unserer Stadt umkam. Oder an den katholischen Kaplan Eduard Müller, der wegen kritischer Predigten und Verbreitung von widerständischen Texten in Fuhlsbüttel hingerichtet wurde. Wir dürfen uns erinnern an manche Ungenannte, die sich nicht beugen wollten und unauffällig, aber mit menschlicher Größe widerstanden…

Ja, der Nationalsozialismus, mit all seiner Verblendung und lauter Gewalt, mit allem geduckten Schweigen und seinem unsäglichen Leid – das fand mitten unter uns in Neumünster statt!  Und ja, auch der Mut der anderen… Und nicht zuletzt: all die Angst derer, die in ihren Wohnungen saßen, wenn draußen Menschen verhaftet wurden; die Angst derer, die in den Kellern saßen, wenn die Bomben fielen… - all das gab es hier. Doch gegeneinander aufrechnen kann man das nie!

Doch wie können wir, die Nachgeborenen, die um solche Zeiten Herumgekommenen, zu alledem, was unter uns geschah, nun eine ehrliche Haltung finden? Und bleibt es bei einem bloß historischen Gedächtnis, einem ehrenden Gedenken der Opfer? Oder ist doch womöglich „etwas zu lernen“? 

 

3. Das Gleichnis, das Jesus damals erzählt hat, haben wir vorhin gehört. Viele von uns kennen es. Und meinen, es längst verstanden zu haben: „Sei nicht selbstgerecht – sondern sei demütig. Erkenne, dass du vor Gottes Angesicht immer als unvollkommen, nie als gerecht dastehst!“ Diese Botschaft kennen wir. Und sie stimmt ja auch! Trifft ja auch gerade, wenn wir meinen, wir stünden auf der „guten Seite“. Auf der Seite eben derer, die es anders machen würden und aus der Geschichte gelernt haben. 

Denn keine Frage, dass haben wir auch – „aus der Geschichte gelernt“. Unser Land, seine Rechtsordnung und seine demokratische Kultur – all dies verdanken wir diesem ungeheuren Lernprozess. Und ich bin dankbar dafür. Und dankbar auch für die Auseinandersetzungen, die nach dem Krieg in ganz vielen Häusern stattgefunden haben. Die viele von uns ganz persönlich durchlitten haben: Als Söhne und Töchter, die ihre Eltern, oft besonders die Väter, wegen eben dieser Vergangenheit hart angegangen sind. Als Eltern, die sich unter Schmerzen dem gestellt haben. Ich glaube, die wirklich fruchtbare Entwicklung unserer Gesellschaft ist oft gerade aus diesen millionenfachen ganz persönlichen Auseinandersetzungen entstanden – wenn sie gelungen ist. Wenn sie nicht selbstgerecht, sondern hörbereit, demütig und auch wirklich bereit zur Umkehr stattgefunden hat – zur gemeinsamen Umkehr der Alten mit den Jungen! 

Aber sind wir damit nun „gerecht“ geworden? „Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel…“ Jesu Wort mahnt uns, genauer hinzuschauen. Viel zu oft sind die vermeintlichen Lernprozesse nach dem Krieg eben auch nicht gelungen. Traumata sind geblieben, gesellschaftliche – aber auch ganz individuelle. Bei der Elterngeneration wie auch bei den Kindern, wie gerade aus der Biografie von Sigmar Gabriel zu lesen ist. – Auch Verhärtungen, Chauvinismus und Rassismus sind geblieben. Unbelehrbar. „Die Unfähigkeit zu trauern“ – haben das die Psychoanalytiker Margarete und Alexander Mitscherlich genannt. Und sie begleitet uns bis heute Ist sie überwindbar?

„Gott, sei mir Sünder gnädig!“ – So lässt Jesus den Zöllner im Gleichnis sprechen. Es ist vielleicht etwas ganz Wesentliches, das wir gerade als Christinnen und Christen in den Umgang mit dem Unbewätigbaren beisteuern können: Dass wir an einen Gott glauben, vor dem wir das sagen können: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Vor dem wir unsere Schuld und größte Hilflosigkeit bekennen können.„Gott, sei mir Sünder gnädig!“ – Das ist nicht bloß ein frommer Satz. Nicht nur eine Schuldverschiebung auf den jüngsten Tag und einen dann hoffentlich gnädigen Gott. Sondern es ist der Anfang der notwendigen Trauer im mitscherlichen Sinne. 

Und nur, wenn wir wirklich trauern können – dann können wir auch – vielleicht - etwas dafür tun, dass das Böse – in uns und unter uns – beherrschbar wird!

 

4. Und das Böse in uns und unter uns – das ist wahrhaftig nicht besiegt!

Zur Zeit der Fußball-Europameisterschaft – diese Geschichte handelt nun nicht in Neumünster! – werden Jugendliche auf dem Weg zum Public Viewing vom Sicherheitspersonal aufgehalten. Einem der Jugendlichen, einem jungen Mann dunkler Hautfarbe, soll der Zugang verwehrt werden. Er sei zu schwarz, meint der Türsteher. Er solle erst einmal zwei deutsche Gedichte aufsagen, dann könne er rein. Die Leute drumherum trauen ihren Ohren nicht. Aber haben sie protestiert? Später dementiert die Sicherheitsfirma jeden fremdenfeindlichen Hintergrund. Die Stadt distanziert sich. Die Staatsanwaltschaft – ermittelte nicht. Alles nur ein Missverständnis?

Ja, über aktuellen Rassismus unter uns zu sprechen, ist immer schwierig. Es passt nicht in das Bild vom weltoffenen Deutschland. Und auch ich reagiere allergisch, wenn ich außerhalb unserer Stadt womöglich als Erstes auf den „Club 88“ angesprochen werde. So etwas ist doch nicht typisch für die Stadt, für die Menschen, wo ich lebe…!

Und doch machen Menschen auch hier in Neumünster tagtäglich diskriminierende Erfahrungen wegen ihrer Hautfarbe. Oder wegen ihrer Sprache. Oder wegen ihres Kopftuchs… So habe ich es erst unlängst ziemlich erschütternd hören müssen von jugendlichen Flüchtlingen, die aus Afghanistan zu uns nach Neumünster gekommen sind. In das Land der Freiheit und der Menschenrechte. In das Land der Christen.

 

5. Und so fordert uns unsere deutsche Geschichte, so fordern uns aber erst recht das Gleichnis Jesu und unser Glaube, ehrlich zu trauern – und dann nicht zu schweigen, sondern zu reden und zu handeln!

„Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn!“ So glauben Juden, Christen und Muslime – und vielleicht auch manch einer, der sich von den Glaubenstraditionen verabschiedet hat.

„Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich!“ – so schreibt Paulus. Und solche bittere Selbsterkenntnis bringen wir Christen auch mit. Und nehmen deshalb unsere Zuflucht zu einem Gott, der dies annimmt – und uns trotzdem, ja gerade deshalb immer wieder liebt und verwandeln will.

 

6. Neumünster braucht Christinnen und Christen, Glaubende und Unglaubende – die das Kostbare Ihrer Tradition, ihrer humanen Lebenshaltung mitbringen. Und sich verbinden lassen für ein gemeinsames Engagement für eine humane, offene und wertebewusste Gesellschaft

Im vergangenen Jahr haben wir da viel Gutes erlebt. Lassen Sie uns diesen Weg weitergehen.

Amen.