Neumünster - BUNT statt braun.

Silke Leng

  • Ca. 140 Rechte TN beim Aufmarsch am 1. Mai in NMS, die Nutzung einer nicht genehmigten Route führt zur Auflösung der Versammlung und Festsetzung der TN
  • Am gleichen Tag werden im Falderapark aus einer einschlägig bekannten Parzelle in der dortigen Gartenkolonie Gegendemonstranten angegriffen, woraufhin die Betroffenen im Krankenhaus behandelt werden müssen
  • In Meldorf wurden im Jahr 2012 insgesamt vier Brandanschläge auf einen Döner-Imbiss verübt
  • Neue Spitze bei der NPD in SH - 0,7% bei der Landtagswahl 2012 d.h. keine Wahlkampfkostenerstattung. DVU und NPD in SH haben fusioniert, viele DVU-Mitglieder sind nicht mit in die NPD gegangen.
  • Christian Worch gründet 2012 in HH neue Partei „Die Rechte“ - nur wenige Mitglieder in SH
  • Nur ein 300-m-Gedenkmarsch der Nazis zur Bombardierung von Lübeck, eine Ausweichdemo mit 25 TN in Plön bleibt klein.
  • Demos Rechter gegen Sexualstraftäter in Leck (mehrere), Schleswig und NMS (3x), mit 20 bis 200 TN, Bedrohungen von BgR-Mitgliedern
  • Die „Volkstod-Kampagne“ der Rechten schmuggelt sich mit einem geschmückten Boot in Friedrichstadt unter den Festumzug 
  • Die Treffpunkte Club 88 und Titanic sind weiterhin Orte der Nazis in NMS. Titanic-Wirt weiterhin auf NPD-Veranstaltungen gesichtet.
  • Morddrohungen und Schmierereien angesichts des Jahrestages der Mordanschläge von Mölln gegen mehrere BürgerInnen
  • „private“ Feste zu nazistischen Feiertagen, Sonnenwendfeste im Kreis Plön (Martensrade)
  • Ladenbesitzer wird hereingelegt, „Thor Steinar Laden“ für Rechte Kleidung eröffnet in Glinde, tägliche Mahnwache demokratischer Kräfte
  • Rechte Aktionsgruppen in SH: Freie Nationalisten Kiel, Aktionsgruppe Niebüll, Nationale Sozialisten Lauenburg, Autonome Nationalisten Stormarn, Freier Widerstand Südschleswig, Freie Nationalisten Lübeck mit einem Personenpotenzial: 1.170, davon 590 subkulturell geprägte und gewaltbereite Rechtsextremisten, 170 Neonazis, 210 NPD-Mitglieder, 20 DVU-Mitglieder 

Quelle: Verfassungsschutzbericht Schleswig-Holstein (2011), eigene Recherche

Pfarrer Wohs

Wie im vergangenen Sommer und Herbst auch in NMS durch die Demos gegen den Sexualstraftäter erlebbar, ist es oft schwierig rechte Kräfte auch klar und eindeutig zu erkennen. Damit man dies besser kann, muss man sich mit deren Symbolen und Geheimcodes auseinander setzten. So gibt es diverse Zahlencodes, der bekannteste ist die „88“. Sie steht für „Heil Hitler“, da das H der 8. Buchstabe im Alphabet ist. Die unverdächtige Zahl 14 steht für ein faschistisches Glaubensbekenntnis, die Zahl 18 für Adolf Hitler. 

Aber auch die Begrifflichkeiten im politischen Bereich sind verfänglich: „Nationaler Widerstand“ oder „Freiheitliche“ oder „Nationale Sozialisten“. Die aktuellen Slogans lauten in etwa: „Todesstrafe für Kinderschänder“, wobei hier das Wort „Kinderschänder“ den nazisozialistischen Hintergrund liefert (statt Sexualstraftäter) oder „Sozial geht nur national“ oder „Touristen willkommen – Ausländer raus“. Scheinbar amüsant kommen einem die Verdeutschungen vor wie: Weltnetz für Internet, Epost für Email, Heimatseite für Homepage, Verweise statt Links. 

Neben einer Reihe von rechten Musikgruppen in allen erdenklichen Stilen, von Rock bis Hip Hop erkennen sich Nazis auch und besonders durch ihre Kleidung. 
Mittlerweile gibt es braune Ökologie, Umweltschutz gilt als „Heimatschutz“, die Siedlungsbewegung der Atamanen versucht, die braune Blut-und-Boden-Ideologie mit einem völkisch-nationalen Anstrich zu verbreiten. 
Für Mädchen ist in diesen Kreisen das Tragen von Zöpfen und langen Röcken in, für junge Männer die Zimmermannshose.
Eigens in der rechten Szene hergestellte Marken wie Thor Steinar , „Ansgar Aryan oder „Eric & Sons“ sollen Geld in die Kasse der Rechtsextremen bringen und rechte Gesinnungen gesellschaftsfähig machen.

Wehret den Anfängen, dies gilt insbesondere für unbedarfte oder provozierend gemeinte Sprüche und Beschimpfungen auf den Schulhöfen oder den Straßen unserer Stadt. 
„Das habe ich bis zu Vergasung gemacht“, „Ey Du Jude“ von Jugendlichen oft als Schimpfwort gemeint -  wer über diese Sätze nachdenkt, erschrickt über den Alltagsrassismus, der sich in die Gesellschaft eingeschlichen hat.
Auch in den Sozialen Netzwerken, die gerade für junge Menschen eine große Bedeutung haben, tummeln sich rechte Gruppen, die teils verdeckt, teils offen für ihre menschenverachtende Ideologie werben.
Videoplattformen wie Youtube bieten rechten Gruppen eine sehr effiziente Methode, rechte Musik zu verbreiten und für ihre Veranstaltungen zu werben.

Henning Möbius

In Neumünster nimmt man es hin, dass nach der Kommunalwahl am 12.3.1933 die drei kommunistischen Stadtvertreter verhaftet, dass SPD-Mandatsträger im Mai verprügelt und ebenfalls festgenommen werden, dass nach dem SPD-Reichstagsabgeordneten Max Richter gefahndet wird, der in der Christianstraße wohnt. Man hört und liest davon, ja man beteiligt sich am Boykott der wenigen jüdischen Firmen, so dass deren Inhaber die Stadt bald verlassen müssen. Einige werden in das wilde KZ Kuhlen bei Rickling verschleppt. Juden und Linke werden zu Feinden der Volksgemeinschaft gestempelt. Wer sich gegen die Gleichschaltung wehrt, wird ausgegrenzt und angeprangert. Dass sich darin Vorboten eines Unrechtsstaates zeigen, der zu unvorstellbaren Verbrechen fähig wird, scheint niemandem Sorge zu bereiten. (J. Jürgensen in "875 Jahre Neumünster")

Heute wissen wir: Auch Menschen aus Neumünster haben unsägliches Leid erfahren und sind schließlich auf grausame, menschenverachtende  Weise ermordet worden.

Auch hier haben Täter gewohnt. Und auch in Neumünster haben unendlich viele Menschen weggeschaut.